Dr. Claudia Müller-Ebeling

Dienstag, 6. April 2010

 

Dr. Claudia Müller-Ebeling im Interview


HanfFest: Sie sind "von Haus aus" Kunsthistorikerin, Ethnologin und Literaturwissenschaftlerin, dazu sind Sie eine Kapazität auf dem Gebiet des - insbesondere nepalesischen - Schamanismus. Wie schwer war es für Sie als Frau, dazu als europäische Frau, von den Schamanen als Gesprächspartnerin ernst genommen zu werden?


Claudia Müller-Ebeling: Sie werden lachen: Von den Schamanen als Gesprächspartnerin akzeptiert zu werden, war nie mein Problem, denn in vielen ethnischen Gruppen Nepals herrscht Gleicihberechtigung. Wem ich jedoch bis vor einigen Jahren immer wieder doppelt und dreifach "beweisen" musste, dass ich als Frau nicht weniger qualifiziert bin als meine männlichen Mit-bewerber, waren deutsche Arbeitgeber.


HanfFest: Hat Sie das sehr frustriert?


Claudia Müller-Ebeling: (lacht) "Verblüfft" wäre eine treffendere Beschreibung. Bis zu dem Zeitpunkt, zu dem ich mich als selbständige Kunsthistorikerin um eine Stelle bewarb, hatte mir nie jemand das G efühl vermittelt, allein aufgrund meines Geschlechts "weniger wert" zu sein als ein männlicher Kollege.


HanfFest: Ganz offenbar haben Sie sich diesen Schuh aber nicht angezogen ...


Claudia Müller-Ebeling: Natürlich nicht - was aber nicht heißt, dass es mich nicht gewurmt hätte, sowohl Männern als erstaunicherweise auch Frauen stundenlang bis ins kleinste Detail Rede und Antwort stehen zu müssen, während bei Männern ganz automatisch davon ausgegangen wird, dass sie wissen, wovon sie sprechen. Da wird län gst nicht so stark nachgehakt, warum sie was wie sehen und woher sie dieses und jenes wissen oder zu wissen glauben.


HanfFest: Die Schamanen hingegen stehen Ihrer Erfahrung nach Wissenschaftlerinnen ebenso aufgeschlossen gegenüber wie deren männlichen Kollegen?


Claudia Müller-Ebeling: Ja klar - weil die Gleichberechtigung der Frau für sie ohnehin selbstverständlich ist. So gibt es zum Beispiel in Nepal auch viele Schamaninnen.


HanfFest: Wenn wir also hier von "Schamanen" reden, schließt das Schamaninnen automa ein?

Claudia Müller-Ebeling: Genau. Um also Ihre ursprüngiiche Frage zu beantworten: Ob ein Schamane mit Ihnen "plaudert" oder ob er Sie teilhaben lässt an seinem Wissen, entscheidet sich einzig und allein daran, inwieweit Sie wirklich und wahrhaftig an dem interessiert sind, was er Ihnen an Wissen vermitteln kann. Wenn Sie zum Beispiel mit einer vorgefertigten Meinung dort auftauchen oder ihn - ohne jedes Engagement - aus purer Neugierde ausfragen wollen, wird er Ihnen zwar in aller Regel freundlich antworten, doch Wesentliches werden Sie von ihm nicht erfahren. Ist Ihr Interesse am Schamanismus hingegen echt, wird ein Schamane oder eine Schamanin all Ihre Fragen gerne beantworten.


HanfFest: Was zählt, ist also das "ehrliche Wissenwollen"?


Claudia Müller-Ebeling: Genau. Und das können Sie - wenn Sie es nicht haben - auch nicht vorgaukeln. Echtes Interesse beinhaltet immer, sich selbst mit einzubringen. Und zwar als Person, nicht als Wissenschaftler mit einem Forschungsauftrag.


HanfFest: Kann hier ein "sich selbst mit einbringen" unter Umständen nicht sehr gefährlich sein?


Claudia Müller-Ebeling: Sicherlich. Doch wenn Sie sich nicht auch selbst öffnen: Wie - und nicht zuletzt weshalb - sollte er sich Ihnen gegenüber dann offenbaren? Ein wirklicher Austausch, eine authentische Wissensvermittlung ist einfach nicht möglich ohne ein gegenseitiges Vertrauen. "Von außen" können Sie seine Welt und die Welten, in denen er sich bewegt, nicht kennenlernen.


HanfFest: Heißt das: der Wert aller Informationen, die Sie von Ihren Forschungsreisen nach Hause bringen, ermisst sich im Endeffekt daran, inwieweit Sie - Sie ganz persönlich - bereit sind, in die Welt Ihrer Gesprächspartner zu treten und sich ihrer Führung anzuvertrauen?


Claudia Müller-Ebeling: Genau so ist es. Gerade etwa wenn es um Schamanismus geht, reden wir in erster Linie von persönlicher Erfahrung. Oder anders: Was der Schamane berichtet, können wir aus seinen Erzählungen heraus nicht einfach nachvollziehen - es sei denn, wir lassen uns darauf ein, an sein uns von ihm in und durch Welten lotsen lassen, von denen wir hier gar nicht wissen, dass es sie gibt.


HanfFest: Wird diese Trance auf "natürliche Weise" induziert oder durch die Benutzung psychoaktiver Pflanzen.


Claudia Müller-Ebeling: Beides ist möglich. Wobei psychoaktiven Substanzen - die heute fast überall auf der Welt verteufelt und verfolgt werden - in vielen schamanischen Ritualen eine sehr große Bedeutung zukommt. Diesen wunderbaren Substanzen, die in der Natur vorkommen und die so wunderbar sind, dass sie unsere Wahrnehmung verändern können.


HanfFest: Das Bewusstsein "erweitern"?


Claudia Müller-Ebeling: Genau. Was man erlebt, wenn man den einen oder anderen Stoff auf eine bestimmte Art einnimmt, das kann einem wirklich die Türen öffnen in Bereiche, die in der Alltagswahrnehmung nicht existieren ...


HanfFest: ... die aber dennoch existent sind?


Claudia Müller-Ebeling: Ja: Afrika existiert, während wir jetzt reden. Menschen machen dort in genau diesem Moment Erfahrungen mannigfaltigster Art. Das ist so - obwohl es an diesem Tisch hier jetzt für uns keinerlei Rolle spielt. Und genauso ist es mit diesen anderen Welten außerhalb unserer direkten Wahrnehmung. Auch die sind da - ob wir die nun sehen oder nicht. Die sind einfach da (lacht).


HanfFest: Nimmt der Schamane Sie auf dieser Reise in seine Welten mehr oder minder an die Hand?


Claudia Müller-Ebeling: Falls man - auf die Idee kommt dort allerdings niemand - diese wirklich extrem starken schamanishen Substanzen ohne Führung einnehmen würde, liefe man leicht Gefahr, sich in dieser anderen Wirklichkeit zu verirren und nicht mehr zurückzufinden.


HanfFest: So wie manche Leute in unserer Zivilisation auf einem Trip "hängenbleiben"?


Claudia Müller-Ebeling: Nicht ganz. Die schamanischen Substanzen sind viel, viel stärker. Auf einem LSD-Trip etwa bleibt man nicht so einfach "hängen". Und wenn genau das doch geschieht, dann liegt es daran, dass hier jemand einen Trip genommen hat, der von vornherein keinen Trip hätte nehmen dürfen - oder der außer Horror keine Kenntnis darüber hatte, worauf er oder sie sich einlässt.


HanfFest: Welchen Menschen würden Sie dringend davon abraten, LSD oder LSD-ähnlichen Substanzen zu nehmen?


Claudia Müller-Ebeling: Menschen, die einen Hang zu Depressionen haben oder eine Anlage zur Schizophrenie oder zum Borderliner oder etwas in der Richtung. Da würde ich wirklich sagen: Hände weg davon! Wirklich total.


HanfFest: Das heißt, nur psychisch wirklich Gesunde können es sich leisten, mit derlei Substanzen zu experimentieren?


Claudia Müller-Ebeling: Genau.


HanfFest: Bei psychisch labilen Menschen kann eine solche Substanz jedoch schnell eine Psychose verursachen?


Claudia Müller-Ebeling:. Nicht verursachen: auslösen. Das heißt, niemand, der nicht bereits psychische Probleme hatte, ist psychotisch geworden, weil er - um es vereinfacht auszudrücken - einen schlechten LSD-Trip hatte. Die Substanz selbst "verursacht" keine Psychosen. Dass sie latent vorhandene Psy-chosen auslösen kann, ist eine völlig andere Geschichte.


HanfFest: Was können die positiven Erfahrungen sein, die ein Mensch mit Hilfe bewusstseinserweiternder Substanzen machen kann?


Claudia Müller-Ebeling: Dass man einen Zugang bekommt zu einer bislang völlig ungekannten Art von Wahrnehmung: Wenn alles um mich herum in Bewegung ist, alles lebt und sich ständig verändert, morphisch verändert und ich in diesen permanen-ten Veränderungsprozess eingebunden bin, dann erlebe ich zum Beispiel plötzlich, was das bedeutet, dass alles eins ist - auch wenn ich diesen vielzitier ten esoterischen Satz schon nicht mehr hören kann, weil ich gar nicht glaube, dass die Leute, die ihn ständig von sich geben, wissen, was das heißt.


HanfFest: Was heißt dieses "Einssein" für Sie?


Claudia Müller-Ebeling: Wenn ich mich einbezogen fühle in diesen Prozess, den ich gerade beschrieben habe, wenn ich merke, dass ich so wie eine Pflanze dem Licht entgegenwächst und dadurch ihre Gestalt verändert, abhängig bin von menschlicher Wärme, von Förderung und Lob und Kritik, um mich geistig entwickeln zu können plötzlich eine Übereinstimmung. Plötzlich begreift man, wie alles zusammen-spielt. Das ist eine unglaubliche Quelle von Weisheit und von tiefer Erkenntnis und von spirituellem Wachstum oder religiöser Ein-sicht oder wie man es auch immer nennen mag.


HanfFest: Apropos "religiöse Einsicht": Ist der Schamanismus so etwas wie eine Religion?


Claudia Müller-Ebeling: Nein. Schamanismus ist keine Religion und kein Glaubensgebäude, sondern es ist eine reine Erfahrungswissenschaft: Schamanismus ist eine Technologie die angewandt wird, um in andere Wirklichkeiten reisen zu können - das heißt in die Welt der Pflanzen, der Tiere und spirituellen Entitäten - und daraus mystische Erfahrung, Heilkraft und spirituelle Entwicklung abzuleiten.


HanfFest: In welchem Verhältnis stehen die Schamanen zu ihren Göttern?


Claudia Müller-Ebeling: Für die Schamanen sind diese höheren Mächte "greifbar", sind Wesenheiten in einer der "anderen Welten", mit denen sie aktiv kommunizieren und sogar verhandeln und handeln können - bei ihren Heilungsritualen.


HanfFest: Daher die "Blutopfer"?


Claudia Müller-Ebeling: Ja. Sie sind Teil des Handels. Wobei auch über Blutopfer in unseren Breitengraden eine meist völlig falsche Vorstellung herrscht.


HanfFest: Heißt das, Sie können die Idee hinter "Blutopfern" nachvollziehen?


Claudia Müller-Ebeling: Ja. Die Schamanen sind total prag-matisch. Wenn ein Mensch eine Krankheit hat, gehen sie davon aus, dass dieser Mensch deshalb krank ist, weil eine Macht aus einer anderen Welt ihm etwas fortgenom men hat. Seine Lebensenergie, zum Beispiel. Um diesen Menschen heilen zu können, müssen sie dessen Lebensenergie zurückholen. Aber sie können nicht einfach zu dieser Macht gehen und sagen: "Gib sie wieder her!" Da müssen sie ihm schon etwas bieten, dafür. Sie gegen etwas anderes eintauschen.


HanfFest: Gegen das Leben eines Tieres, etwas?


Claudia Müller-Ebeling: Nicht unbedingt. Es können auch ein paar Reiskörner sein oder ein paar Tropfen Alkohol.


HanfFest: Mit derart "wenig" gibt sich eine Macht in der andere


Müller-Ebeling: Ja. Weil was in unser diesseitigen Welt wenig ist, in der jenseitigen Welt viel ist - und umgekehrt. Aus ein paar Tropfen Alkohol wird dort ein Riesenozean ...


HanfFest: Wenn allerdings Tiere geopfert werden, was für Tiere sind das in den meisten Fällen?


Claudia Müller-Ebeling: Meist ist es Federvieh. Ein Huhn, zum Beispiel.


HanfFest: Was passiert denn dann mit dem Huhn?


Claudia Müller-Ebeling: Das Huhn wird getötet und in der Regel wird es daraufhin in die Wildnis geschmissen. Oder es wird dem Hund vorgesetzt. Aber es wird auf keinen Fall gegessen von einem Menschen, der mit dem Kranken zu tun hat, dem dieses Opfer zur Heilung dient. Solange er nicht in die Krankengeschichte verstrickt ist, kann das Huhn auch der Nachbar des Kranken beziehungsweise Geheilten bekommen.


HanfFest: Das Huhn lässt also sein Leben für den Menschen?


Claudia Müller-Ebeling:. Es wird - auf welche Weise auch immer - dem großen Kreislauf des Lebens überantwortet. Entweder haben die Tiere in der Wildnis etwas d avon oder die Nachbarn des ehemals Kranken freuen sich über ein Huhn, das sie sonst nicht gehabt hätten.


HanfFest: Müssen die Kranken an die Kräfte des Schamanen als Heilers glauben, um von ihm geheilt werden zu können?


Claudia Müller-Ebeling: Nein. Die Schamanen gehen nicht davon aus, dass irgend etwas geglaubt werden kann. Weil ob man daran glaubt oder nicht: es funktioniert einfach. Und das ist einfach Empirie. Das ist einfach Erfahrung. Man macht einfach die Erfahrung, dass man mit diesen Ritualen und dieser Technik dieses und jenes erreichen kann.


HanfFest: Und das können die Schamanen tatsächlich?


Claudia Müller-Ebeling: Ja. Denn wenn die Leute merken würden, sie sitzen da einem Hirngespinst auf, würde niemand mehr einen Schamanen aufsuchen und könnte auch niemand mehr geheilt werden.


HanfFest: Weshalb haben Sie sich gerade den nepalesischen Schamanismus als Forschungsprojekt ausgesucht?


Claudia Müller-Ebeling: Nahezu überall auf der Welt ist der Schamanismus seit ein paar Jahrhunderten mehr oder weni Meist durch das Christentum - aber auch durch andere monotheistische Religionen und auch den Kommunismus. Nepal ist eines der wenigen Länder, in denen der Schamanismus noch heute in seiner ursprünglichen Form zu finden ist. Hier konnten sich die Schamanen die Quelle zu ihrem Wissen bewahren. Hier ist sie ihnen weiterhin zugänglich und sprudelt und sie brauchen nur davon zu trinken. Von alten und neuen Hexen und einem neuen Naturverständnis Interview mit der Ethnologin und Kunsthistorikerin Claudia Müller -Ebeling


HanfFest: Was sind eigentlich Hexen?


Claudia: Zunächst ein gesellschaftlich-historisches Konstrukt. Im Buch "Hexenmedizin" beantwortet jeder das auf eine andere Weise. Wolf-Dieter Storl vermittelt die mythische Bedeutung von Pflanzen und ihren Gebrauch in archaischer Zeit. Christian Rätsch beleuchtet die antiken Vorbilder. Das späte Christentum und die Renaissance haben in erster Linie die Konzepte und Erzählungen aus der Zeit der Antike und des frühen Christentums übernommen und dämonisierte d ie Naturmagie mehr und mehr. Von daher reicht das Bild, welches wir von Hexen haben, zeitlich tief zurück.


HanfFest: Wir verbinden ja meist das düstere Mittelalter damit.


Claudia: Ich weiß nicht, wie sich das Vorurteil des sogenannten "düsteren Mittelalters" so lange halten konnte. Eigentlich ist es die düstere Neuzeit, denn das Mittelalter war licht und hell. Hier war die Sexualität befreiter, die körperliche und vor allem geistige Liebe hatte einen hohen Stellenwert. Dies ist nicht zu verwechseln mit der platonischen Liebe, die ja wahrlich keine unkörperliche, sondern eine Liebe nach Knaben war. So sind viele Begriffe durch die Mühle der Renaissance gegangen, eine Art Neoplatonismus, der versuchte, die Ideen Platons an ein christliches Gedankengebäude ranzubinden. So entstand die Dichotomie zwischen dem entkörperlichten Geistigen und den irdischen Niederungen.


HanfFest: Und damit wurde auch Platons Idee wiederbelebt, dass es klüger ist, nüchtern in die Irre zu laufen, als berauscht Weisheit zu erlang en.


Cla scheint immer einfacher, den bekannten Mist zu ertragen als neue Wege zu wagen. Alles was Berauschung ist, das Dionysische betrifft, ist mit persönlichem Erleben verbunden. Man schmeißt sich ins Erlebnis hinein. Unser christlich-wissenschaftliches Weltbild hat was gegen dieses eigene Erleben. Es klammert diese Erfahrung aus, weil es davon ausgeht, dass eigene Erfahrungen nur Voreingenommenheit schüren und dich in deine eigenen Gefühle einkapseln. Dann kann man die Realität nicht mehr objektiv sehen und Ob jektivität ist die Hohepriesterin der Neuzeit. Man soll die Dinge von außen betrachten, analysieren, interpretieren. Diejenigen die sich am Suff, der Liebe oder der Extase berauschen, sind dann arme Irre, die eh nicht mehr wissen, was sie tun. Dieses Erbe spukt in uns allen rum, sicher auch ihn mir, auch wenn ich das schön sezieren kann.


HanfFest: Ein Bild der bösen Hexe haben wir sicher alle in uns. Frauen wiederum nehmen das Hexenthema neu auf, gründen Hexenstammtische oder treffen sich zum Hexen.


Claudia: Davon halte ich wenig. Grundsätzlich ist nichts dagegen zu sagen, alte Hexenrituale wieder aufleben zu lassen, die zu einer neuen Wertschätzung der eigenen Natur und der um uns herum führen. Das Vermitteln von praktischen Erfahrungen ist positiv. Nur leider entwickeln diese Zirkel sich schnell zu elitären Gemeinden, die bestimmte Denklinien aufnehmen, die oft aus der Frauenbewegung stammen. Diese Linien werden dann eifrig verfolgt und nicht mehr weiter hinterfragt. De facto weiß man aber sehr wenig über historische Hexen, weil so viele Quellen verschütt gegangen sind. Die bruchstückhafte Zusammensetzung kann auf falsche Wege führen. Wendungen wie: "Ich bin eine moderne Hexe" oder: "Ich bin ein Schamane" sind immer problematisch, weil sie weniger auf Kenntnis historischer Zusammenhänge beruhen, als vielmehr auf Projektionen. Die Umwertung eines ursprünglich als Diffamierung gemeinten Begriffs in etwas Positives ist ironisierend und eröffnet daher die Möglichkeit, spielerischer mit einer grausamen Vergangenhe daraus lernen und auf Defizite unserer Zeit hinweisen, beispielsweise auf die fortgesetzte Dämonisierung der Natur.


HanfFest: Für uns ist es schon rein sprachlich problematisch, an alte Naturmythen anzuknüpfen, das zeigt das Beispiel der "modernen Hexen" ja recht deutlich. Es müssten also neue Wege der Erfahrungsvermittlung gefunden werden.


Claudia: Die Frauen suchen unter dem Eigen-Label "Hexe" Selbstverwirklichung und Grenzen sich damit von der Gesellschaft ab. Es wäre produktiver, nach der Aufgabe zu fragen, die sie als "moderne Hexen" für die Gesellschaft haben könnten.


HanfFest: Was ist mit der "gereinigten Hexe", die mit den bösen Kräutern nix am Hut hat?


Claudia: In den meisten der neueren Hexenratgebern sind die psychoaktiven Bestandteile fein säuberlich aussortiert worden. Da gibt es nur noch Kamillentee. Diese Trennung in "gute und böse Kräuter" ist ein Erbe der christlichen Lehre. Die zugänglichen Quellen sind allesamt Fremdzuweisungen, es gibt kaum Aussagen von Hexen selbst. Von daher sage n die Quellen mehr über die Kirche und die Nachbarn als über die Hexen. Mit Sicherheit aber haben nicht nur Neid und Eifersucht den als Hexen diffamierten Frauen den Kopf gekostet, sondern auch die Tatsache, dass sie die Natur nicht als böse und sündig, sondern als Einheit aller Aspekte betrachtet haben; genau das heißt "ganzheitlich".


HanfFest: Wie haben Hexen gearbeitet?


Claudia: Die gründlich zerstörten schamanischen Traditionen Europas lassen sich ableiten von dem, was noch heute an Schamanismus auf der Welt existiert. Wenn man die Rolle der heutigen Schamanen in Asien und Südamerika berücksichtigt, dann stellt sich das Bild meiner Ansicht nach so da: Erstens gibt es da niemanden der sagt: "Ich bin ein Schamane" und trommelnd durch die Gegend läuft. Der oder die sagt auch nicht: "Kommt zu mir, wenn ihr Probleme habt, ich habe Sprechstunde von 8.00 bis 14.00 Uhr und eine Behandlung kostet 300 Taler." Diese Menschen tun etwas und das hilft anderen, dann bildet sich der Ruf und andere Leute kommen. In den west Ländern wird das sofort zu einem Business und einer Institution.


HanfFest: "Das lohnt sich", singt der Schamane...


Claudia: Sicherlich müssen wir alle von etwas leben. Die hauptberufliche Beschäftigung beinhaltet zumeist, dass wir daraus unser Geld beziehen. Einen hauptberuflichen Schamanismus gibt es fast nirgends auf der Welt. Dazu kommt, dass die Leute gerne andere Menschen auf den Sockel stellen, sie wollen dich verherrlichen, dich idealisieren. Wenn man denen sagt: "Das kann ich nicht" oder "Das we iß ich nicht", dann sind die stinksauer. Diese Projektion nach außen fällt dann brutal auf dich zurück. Oft gehen deshalb die meisten Schamanen und Hexen sich selbst in die Falle und denken irgendwann tatsächlich, dass sie ganz toll sind und als Hexe oder Schamane gut Geld verdienen können.


HanfFest: Wenn wir den Faden im Mittelalter aufnehmen: Hat die Kirche mit ihrem Anspruch auf das Heil der Menschen die Kräuterfrau und ihre Heilkräuter verdrängt?


Claudia: Zunächst einmal gibt es auch männliche Hexer und Zauberer. Das Bild der Hexe war aber ein schillerndes und attraktives, das sich mit dem sinnlich-erotischen Komplex gut verbinden ließ. Das lustfeindliche christliche Weltbild ließ den Sex nur zur Fortpflanzung zu - die rein der Erotik wegen betriebene Lust ist aus dieser Sicht etwas Bitterböses. Noch heute haben Menschen, die unter diesen Moralvorstellungen aufwachsen, erhebliche Probleme bei der Entfaltung einer gesunden Sexualität. Diese Gespenster wurden ihnen angehext und nun müssen sie sehen, w ie sie ihre eigene, entspannte, natürliche Erotik wiederfinden. Die Hexe war also eine Projektionsfigur, die mehr war als eine Kräuterkundige. Im 15. und 16. Jahrhundert lebten die Menschen mit spirituellen und heilerischen Kräften eher auf dem Land. Das lässt sich heute noch gut in Nepal nachvollziehen. Wenn man dort Kathmandu hinter sich lässt, dann lässt man auch Ärzte und Hospitäler hinter sich. Dann findest du Leute, die können vieles zugleich. Und manche können halt Menschen heilen und das sind die Schamane Bauern oder was weiß ich...


HanfFest: Der Bauer im Mittelalter merkte irgendwann "Ich kann helfen"?


Claudia: Ja. Lange Zeit ist es kein Problem gewesen, dass es in den Städten ausgebildete Ärzte und Apotheker gab. Das waren immer Männer, denn die Universitäten ließen keine Frauen zu. Die hatten ihr städtisches Klientel. Die armen Menschen auf dem Land gingen aber weiterhin zu ihrem Kräuterweib. Irgendwann ist dies im Zuge der Diffamierung der Frau zum Problem geworden. Witwen oder Frauen ohne Ehemann le bten außerhalb der Versorgungsstruktur und damit auch außerhalb der Gesellschaft. Die mussten sich alleine durchs Leben schlagen. Dieser Alleingang war gefährlich, denn ansonsten lebten sie unter der Haube, wie man so schön sagt, eben unter der Oberaufsicht des Mannes. Frauen, die ihr Leben alleine bewältigten und dazu noch Fähigkeiten der Heilkunst hatten, wurden wohl zunehmend als bedrohlich empfunden.


HanfFest: "Sexy Hexy", das klingt sogar ähnlich. Verdorbene Buhlerinnen des Teufels. Die Angst vor weiblicher Sexualität muss eine wichtige Rolle gespielt haben.


Claudia: Und ein Denken, welches allen monotheistischen Religionen, gleich ob Judentum, Christentum oder Islam, anhaftet. Diese Religionen beten einen Gott an und dieser eine Gott ist gut und alles was nicht gut ist, stellt den Teufel dar. Mit diesem dualistischen Bild ermöglichst du diese Ausgrenzung des Fremden, des anderen. All das, was du in dir selber nicht wahrnehmen willst, kannst du wunderbar nach außen projizieren. Dann kannst du davor warnen, es verfolgen und dich gleichzeitig dran ergötzen. Alles was du dir nicht traust, das kannst du den Hexen dann unterjubeln. Die Protokolle aus der Zeit zeigen ganz deutlich die überhitzten Fantasien von Leuten, die gewisse Sachen nicht ausleben durften.


HanfFest: Und genau das erleben wir doch heute beispielsweise mit den Gebrauchern kriminalisierter Drogen.


Claudia: Genau. Es ist ja auch perfide: Gerade in der momentanen Medienwelt gehört zum Beispiel Koks zum Arbeitsalltag. Hinter den Türen wi rd gekok ein Artikel über sogenannte "Teufelsdrogen" verfasst. Was den modernen Medien fehlt, ist ein Nachdenken über die Mechanismen in den Medien.


HanfFest: Da müsste mal ein Beobachter den Beobachter beobachten.


Claudia: In jedem Medium muss man doch in der Lage sein, selbstkritisch zu hinterfragen, was man tut und nicht immer nur zu hinterfragen, was andere tun. Kläre ich auf oder trage ich dazu bei, dass ein Vorgang weiterhin im Dunklen dümpelt? Ich bin schon der Meinung, dass heute viele Natursubstanzen verteufelt werden, weil keine Pharmaindustrie davon profitieren könnte. Wenn jeder sich sein Gras und seine Kräuter auf dem Balkon zieht, dann kann man ihm nichts mehr verkaufen.


HanfFest: vielen Dank....

 
 

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